Abschiedskultur – Trennungsritual am Ende einer Beziehung

Vor einigen Wochen hatte ich die Ehre, ein Trennungsritual für ein Paar zu begleiten. Sie hatten 3 Jahre eine intensive Partnerschaft mit Höhen und Tiefen gelebt und nun war für die Frau ein Punkt erreicht, an dem sie die Partnerschaft beenden wollte. Dem Mann, der die Partnerschaft gerne weiter gelebt hätte, war es wichtig, die Trennung mit einer Aussprache und einer Art Ritual zu vollziehen und dabei achtsam begleitet zu werden. Für beide war es ein wichtiges Anliegen, „gut“ auseinander zu gehen. Da beide mich und meine Arbeit durch das Familienstellen kennen, haben Sie mich darum gebeten, diesen Raum zu halten.

Ich war bereits öfters Teil solcher Abschiede. Einmal im Rahmen eines mehrtägigen Paarseminars, einmal als Zeuge bei Freunden. Und in einem Männerseminar nutzten wir Stellvertreter für eine ähnliche Übung. All das war immer sehr berührend und inspirierend. Aber wie würde ich es selbst gestalten und was war den beiden wichtig?

Seine Vorstellung

Seine Vorstellung schilderte er so:

All das, was in und zwischen uns an unausgesprochenen Gedanken, Gefühlen, offenen Fragen, an Schönem und Traurigem, aber auch Schwierigem und Unlösbarem liegt, aussprechen und dann „richtig“, wertschätzend Abschied voneinander nehmen. Das würde mir gut tun und mir in meinem Heilungs- und Trennungsprozess helfen.

Wow, er war wirklich bereit, die Beziehung so gut es nur ging zu beenden und sich auch den schwierigen Themen auch dann noch zu stellen, wenn es scheinbar aussichtslos war. Aber es ging ihm nicht darum, die Liebe mit einer Aussprache wieder neu zu entfachen. Ihm war bewusst, dass er die ungesprochenen und ungelösten Themen mit sich herum tragen würde und vermutlich mit in die nächste Beziehung tragen. Er wollte in Liebe loslassen und den alten Ballast los werden.

Ich liebe es, wenn Menschen so mutig und so klar sind. Es ist mir eine Freude mit ihnen zu arbeiten und zu sein.

Mein Vorschlag

Ich überlegte einige Zeit, wie ich den Tag so gestalten könnte, dass es einen rituellen Rahmen gibt, dass wirkliche Begegnung und Klärung stattfinden kann und das am Ende beide Partner wertschätzend und möglichst ohne Groll auseinander gehen können.

Meine Idee war, das es festlich sein sollte. Zumindest ein klein wenig, um den Rahmen und die Intension zu würdigen und es zusätzlich zu etwas besonderem zu machen. (Wie toll wäre es, wenn wir nicht nur zur Hochzeit ein Fest feiern könnten, sondern auch, um einen abgeschlossenen Zyklus zu würdigen?). Jeder sollte eine Kerze und eine Blume für sich mitbringt, und sie auf einem Altar legen.

Der Vormittag sollte der Aussprache und Reinigung dienen. Hier durfte der ganze Schmerz, die Wut, die tiefe Trauer und alles sein, ohne gebremst zu werden. Nach einer Pause sollte der Nachmittag der Wertschätzung und Dankbarkeit für die gemeinsame Zeit gewidmet sein. Ich habe zudem eine Sequenz aus dem Familienstellen vorgeschlagen, um noch auf einer weiteren Ebenen den eigenen und den Beziehungsraum zu klären. Ein Feuerritual mit der Verbrennung und Loslösung alter Versprechen und der Auflösung des gemeinsamen Bundes sollte den Prozess beenden.

Vorbereitung

Jeder bringt eine Blume und eine Kerze mit. Ein kleiner Altar (bspw. kleiner Tisch mit schönem Tuch) steht im Raum. Ihr tragt bequem festliche Kleidung

Ihr bringt Dinge, die ihr dem Feuer konkret oder symbolisch übergeben wollt. Alte Erinnerungen, schmerzhafte Erfahrungen, ein Brief, …

Eine Feuerschale steht im Garten mit Holz.

Beginn

  • Jeder gibt seine mitgebrachte Blume in eine Vase auf den Altar, zündet seine Kerze an und stellt sie dazu.
  • Wir verbinden uns mit unserer leuchtendsten Vision von uns selbst und ich lade dazu ein, das folgende Ritual in dieser Haltung und wohlwollender Absicht zu begehen.
    UND: Es geht nicht darum, dem anderen zu gefallen, sondern vor allem euch selbst. Wie wollt ihr heute hier sein, damit ihr euch selbst gefallt?
  • Ich lade euch dann ein, alleine nach draußen zu gehen, euch einzustimmen auf die gemeinsame Begegnung und vor allem gut bei euch anzukommen.
    In eurer Partnerschaft habt ihr dem anderen unterschiedliche Versprechen gegeben – ausgesprochene und nicht ausgesprochene. Beispielsweise „Ich werde Dir treu sein“, „Ich werde mich um Dich kümmern“, „Ich bin da, wenn Du mich brauchst“ etc. Von diesen Versprechen dürft ihr euch in einem Feuer-Ritual wieder frei geben und den anderen aus der gemeinsamen Bindung entlassen. Für jedes dieser Versprechen und für die gemeinsame Bindung findet jeder für sich jetzt auf seinem Spaziergang etwas, was er ins Feuer geben kann. Ein Stück Holz, ein Blatt etc.

Altes klären und loslassen

  • Kurze Einführungsmeditation
  • Was tragt ihr noch an Ungeklärtem mit euch herum? Stellt eure offenen Fragen.
    Prüft dabei, wo ihr für euch noch wirklich Klärung braucht und wo es ggf. eher um Gerechtigkeit/Rache für einen erlebten Schmerz geht. Wenn es eher die Tendenz „Gerechtigkeit/Rache“ hat, lasst den Rache-Teil weg. Um welche Situation geht es, wie hat es sich in dieser Situation angefühlt und was hättet ihr stattdessen gebraucht? Dein Gegenüber wiederholt.
  • Ihr stellt euch euren Verletzungen und bringt sie zum Ausdruck
    • Was hat mich verletzt?
    • Wie habe ich verletzt?
    • Das hätte ich mir gewünscht.
    • So habe ich meine Liebe zum Ausdruck gebracht und habe den Eindruck, das sie oft nicht angekommen ist.

Pause

Nach dem Essen lade ich euch ein, jeder für sich an die frische Luft zu gehen. Atmet tief durch, schüttelt euch. Ihr habt gerade einen großen Schritt gemacht, der sicher herausfordernd war. Und ihr seit ihn gegangen!

Dabei darf all das Gesagte, Gehörte und Gefühlte noch nachwirken.

Wertschätzung und Dankbarkeit

  • Wie ging es mir heute Vormittag? Was ist noch in Bewegung? Wie bin ich jetzt hier?
  • Kurze Einführungsmeditation
  • Das waren meine Höhepunkte in der gemeinsamen Beziehung mit Dir.
  • Dafür bin ich Dir dankbar
  • Das habe ich durch Dich erfahren und lernen dürfen
  • Systemisches Abschiedsritual:
    • Alles was zu mir gehört nehme ich zu mir
    • Ich gebe all das zurück, was ich übernommen habe und was nicht zu mir gehört
    • Ich entlasse Dich aus unserer Beziehung und aus allen Versprechen, die wir uns gegenseitig gegeben haben.
    • Ich danke Dir für all das, was ich mit Dir und durch Dich erfahren durfte
    • Ich achte Dich und Dein Schicksal und verneige mich vor Dir

Feuer-Ritual

  • Wir gehen an den Platz, an dem wir unser Feuer machen werden und entzünden es.
  • Jeder gibt die Gegenstände die er beim Spaziergang gesammelt hat in das Feuer. Benennt, für was der Gegenstand steht und das ihr dieses Versprechen nun wieder löst.
  • Wenn ihr Gegenstände zum Verbrennen von zuhause mitgebracht habt, gebt diese ins Feuer.
  • Gebt zuletzt den Gegenstand ins Feuer, der für die gemeinsame Bindung stand und bekräftigt mit eigenen Worten die Auflösung dieser Bindung. Diesen Prozess macht ihr gemeinsam, nacheinander – ähnlich dem Ehegelübde. Solltet ihr noch Schmuck (Ring, Kette etc.) vom anderen oder als Zeichen eurer Partnerschaft tragen, legt ihn jetzt ab.

Ende

Ein Schritt Neue Kultur

Mein Vorschlag wurde mit Freude angenommen und als ich am Tag des Rituals ankam, war alles schon vorbereitet. Ich wurde von beiden herzlich willkommen geheißen. Weiteren Zeugen oder Gäste wollten sie nicht. Die Stimmung war zwar etwas nervös aber sehr freundlich und friedlich. Der Raum war etwas geschmückt und ein kleiner Tisch diente als Altar für Kerzen und Blumen.

Der geplante Ablauf war absolut stimmig. Beide konnten sich sehr auf mich und den Prozess einlassen und blieben dabei immer in Ihrer Eigenverantwortung. Im ersten Teil gab es neben der Aussprache einen sehr klärenden Wutprozess, bei dem die Frau all das Angestaute loslassen konnte und der Mann einfach nur hörte. Und trotz der emotionalen Heftigkeit ist es gelungen, immer in einer respektvollen Haltung gegenseitig zu bleiben. Dabei war ich mehr Zeuge als wirklich aktiv Gestaltender. Es brauchte immer nur eine Frage, einen Impuls, eine Überleitung zum nächsten Schritt und alles Andere geschah. Die Intensität und emotionale Dichte war trotz der Dramatik wunderschön. Zu sehen, wie Klärung und Begegnung auf so hohem Niveau und Authentizität geschieht, ist ein Geschenk.

Aus den geplanten 4 Stunden wurden mit Mittagspause 7 und ich möchte keine davon missen. Für das abschließende Feuerritual würde ich bei einem nächsten Mal einen Ort wählen, der dieser feierlichen Zeremonie noch mehr gerecht wird. (Wir hatten einen Feuerkorb hinter dem Haus.) Ansonsten war ich völlig erfüllt von dem, was und wie es gelungen ist und davon, Zeuge und Begleiter von einem Stück Neuer Kultur gewesen zu sein.

Ich wünsche den Beiden das allerbeste für Ihre Zukunft und jede neue Verbindung und Begegnung die sie eingehen. Möget ihr weiter eure Wege in dieser kraftvollen Haltung, Offenheit, Klarheit und authentischem Ausdruck gehen und Liebe und Glück in Fülle erfahren. Vielen Dank für eure Einladung und diese Gelegenheit.

Nachgang

Ein paar Tage nach dem Ritual bekam ich fast gleichzeitig von beiden je eine Nachricht in denen sie sich für diesen gemeinsamen Raum bedankten. Für beide war es „sehr gelungen und es wirkt noch sehr nach“. Besonders bemerkenswert und vielleicht das schönste Feedback, wenn man den Kontext berücksichtigt, war der Satz: „In mir hat sich wieder Offenheit eingestellt.“ Wow! Mich erfüllt es mit großem Glück.

Wie würden unsere Beziehungen aussehen, wenn es uns nun gelingt, solche Klärräume schon während einer Beziehung zu kreieren? Wenn wir immer wieder Offenheit dem Anderen gegenüber erleben. Wenn wir aussprechen könnten, was ansonsten so schwer fällt.

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